Geschichte als Wissenschaft

von Ralf Pröve

Eine der größten Herausforderungen in der Lehre ist die Vermittlung des fundamentalen Unterschieds zwischen dem Schulfach Geschichte und der akademischen Disziplin Geschichtswissenschaft. Der jeweils zugrundeliegende Basis-Begriff, Geschichte, ist wortgleich und scheint somit identisch, er ist es aber nicht. Ersteres bedient als eine Art Geschichtskunde die gängigen populären Vorstellungen von vergangenen Zeiten und konzentriert sich dabei fast zwangsläufig auf Ereignisse und Personen. Dabei kommen ihr vermeintlich sinnstiftende Artefakte wie Schlösser und Festungen oder prächtige Herrschergemälde entgegen. Letzteres, die akademische Disziplin, behandelt den konstruktivistischen Charakter von Geschichtsbildern und gängigen Erzählschemata, beleuchtet die methodologischen Probleme, klopft die erkenntnistheoretischen Angebote auf Brauchbarkeit ab und diskutiert die Maximen grundlegender Quellenkritik.

Vergangenheit ist passiert, stellt eine physikalische Größe dar, Geschichte wiederum wird erzählt, von Menschen konstruiert.

Die, wie ich es hier nenne, geschichtskundliche Annäherung ist weit verbreitet und längst nicht nur im Geschichtsschulunterricht anzutreffen. Historische Themen, affirmativ-glorifizierende Charakterisierungen historischer Personen wie etwa Friedrich II. („der Große“) oder Bismarck sowie die Kabbalistik der runden Zahlen, der Jubiläen, sind attraktiv; vor allem auch deshalb, weil sie sich als Vehikel für andere Interessenlagen eignen. So feiern Unternehmen, Vereine, Kommunen oder Staaten runde Geburtstage zur eigenen Legitimation oder zur Ankurbelung des Geschäfts; politische und ökonomische Interessen gehen dabei Hand in Hand. Allgegenwärtig ist die mediale Vermittlung. Eine dominante Funktion übt hierbei das Fernsehen aus. Die technischen Möglichkeiten (etwa rechnergenerierte Bilder) erlauben mittlerweile historische Doku-Dramen in einer Qualität, die mit der Faszination bewegter Bilder entsprechend perfekte Erzählungen (oftmals mit Helden und Schurken und einer ausgeklügelten Dramaturgie) bieten. Eine nicht ungefährliche Entwicklung, hüllen sich doch diese Darbietungen in den scheinbar objektiven Mantel der Wissenschaft und erheben dabei den Anspruch (oder erwecken zumindest die Illusion), eben keine Erzählung, sondern verbriefte Realität, Wahrheit zu sein.

Aber auch die Printmedien, oftmals über deren entsprechende Webpräsenz, bieten häppchenhaft bunte, skurrile Geschichten aus alten Zeiten.

Die Verbreitung folgt innerhalb der Eigengesetzlichkeiten und der Eigenlogiken der medialen Genres; sie wird flankiert von einer boomenden Geschichtskultur, die sich in vielfältigen Museumsgründungen oder mannigfachen Ausstellungsprojekten zeigt. Historische Kontexte werden Teil der populären Eventkultur.

Um mich nicht falsch zu verstehen: Diese breite Aufmerksamkeit ist grundsätzlich sehr erfreulich. Es gibt wohl nur sehr wenige geisteswissenschaftliche Disziplinen, die sich derartiger Beliebtheit in der Gesellschaft erfreuen.

Aber: diese Allgegenwart erhöht eher den Druck, schafft die konsequente Notwendigkeit, dieses geschichtskundlich eingeengte Begreifen und Präsentieren vergangener Zeiten kritisch zu hinterfragen und geschichtswissenschaftlich zu untersuchen.

Ein erster Ausgangspunkt ist die Selbstreflektion, also die Bewusstwerdung der eigenen sozialen und kulturellen Bedingtheit (Herkunft, Bildung, Sozialisation, Erfahrung) und damit auch des eigenen Standortes, des eigenen Blickwinkels, der eigenen (bewussten wie unbewussten) geschichtsphilosophischen Grundeinstellung, also der Vorstellung bestimmter geschichtsmächtiger Kräfte und eines damit verbundenen logischen Ablaufs historischer Epochen. Erst dann kann ein analytisch-wissenschaftlicher Bezug zum Forschungsthema hergestellt werden. Erst dann kann die Historizität (also die zeitliche Bedingtheit) nicht nur der zu untersuchenden Akteure und deren Artikulationen in überlieferten Quellen, sondern auch die der Forschungsliteratur erkannt werden. Erst dann kann man die fließenden Übergänge und das relationale Beziehungsfeld von Akteurswelt und Forscherwelt aufdecken.

Diese Erkenntnis hat gravierende Konsequenzen – für die Lehre der universitären Geschichtswissenschaft insgesamt, und speziell für die damit notwendig verbundene Medienkompetenz/Quellenkritik oder die Thematisierung des konzeptionellen Unterschieds von Quellen- und Forschungsbegriff.

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