Forschungsbegriff vs. Quellenbegriff

von Ralf Pröve

Auf den ersten Blick verbirgt sich hinter diesem Begriffspaar ein beinahe klassischer Lehrsatz für die Erstsemester der Geschichtswissenschaft. Ein Quellenbegriff ist ein Wort, ein Begriff aus einer Quelle. Ein Forschungsbegriff wiederum wird von Historikern geprägt, also von Menschen, Forschern, die sich mit einer bestimmten Epoche befassen und diesen Begriff zum Beispiel als Analyseinstrument, zur Erklärung komplexer Sachverhalte nutzen.

Ein Quellenbegriff stellt somit einen sprachlich gefassten Tatbestand dar, der sich in den schriftlichen Hinterlassenschaften der Zeitgenossen widerspiegelt und ein geronnenes Substrat von sozialem Sinn ist. Hinzu kommen die Umstände der Verschriftlichungsfaktoren, also das Problem des Wahrnehmungsfilters der Akteure. Die Quellen und Begriffe müssen jeweils überprüft werden hinsichtlich Historizität, Kontextualität und Intentionalität. Es wurde ja nur das notiert, aufgeschrieben, was erstens der Schreiber (der ja ohnehin nicht repräsentativ für die Zeit sein muss) als außergewöhnlich empfunden hatte, und zweitens der Sachverhalt fixiert, mit dessen Hilfe sich eine Absicht, ein Zweck verknüpfte (Wohlwollen der Obrigkeit, Steuererleichterung, militärische Hilfe, Delegitimation des Gegners usw.).

Ein Forschungsbegriff stellt das Kondensat unterschiedlicher Diskurse dar, die wissenssoziologisch determiniert und voneinander separiert sind. Diese Begriffe reflektieren damit nicht nur den jeweils vorhandenen Kenntnisstand der Forschung, sondern spiegeln ebenso die Lebenswelt der Forscher (die somit in dieser Hinsicht auch zugleich Akteure sind) und deren potenziell möglichen Interpretationsrahmen wider, der wiederum den analysierenden Blick auf die Quelle, auf den Quellenbegriff, definiert.

Die Vermischung beider Begriffe ist problematisch. Einmal las ich in einer Hausarbeit über die Verfolgung von Frauen in der Frühen Neuzeit den Halbsatz: „und dann wurde die Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt“. Ich fragte den Autor in der anschließenden Besprechung, woher er denn wisse, dass es sich um eine Hexe gehandelt habe und was das denn eigentlich sei, eine Hexe? Der Studierende hat damit einen beinahe klassischen Fehler begangen, der mitunter auch noch gestandenen Hochschullehrern unterläuft. Er hat eine Äußerung von Akteuren (in diesem Fall aus dem 17. Jahrhundert) übernommen und diese zu seiner eigenen gemacht. Er hat damit (unfreiwillig) eine bestimmte Position bezogen (nämlich Frauen in der Perspektive bestimmter Vertreter der Obrigkeit aus ökonomischen und herrschaftstechnischen Motiven heraus als „Hexen“ zu delegitimieren) und sich somit zum Gehilfen, zum Sprachrohr des Urhebers einer bestimmten Quelle aus jener Zeit gemacht.

Mag dieses Problem bei derart fern anmutenden Begriffen noch überschaubar sein, so wird es diffiziler, wenn die untersuchte Epoche chronologisch weniger lange zurück liegt. So werden immer wieder verschiedene Wortsemantiken aus der Zeit des nationalsozialistischen Deutschlands oder der DDR zu unreflektiert benutzt („Selektion“, „Volksgemeinschaft“, „Aufklärung“) und somit Quellenbegriffe (ungewollt) in die eigene Sprachpraxis transformiert.
Dabei gilt der Grundsatz: je weniger gegenständlich ein Begriff ist, desto vorsichtiger sollte man damit umgehen. Realien wie Stuhl, Haus, Auto oder Uniform haben eine relativ gering ausgeprägte Semantikvarianz. Dagegen sind ideologisch belastete, mit gesellschaftlichen und politischen Kontexten aufgeladene Begriffe wie Freiheit, Volk, Familie, Nation, Gewalt oder Ehre semantisch weitaus komplexer. Zudem taucht das Problem der graphisch identischen Worte auf. Man könnte meinen, wenn um 1815 in den Quellen von „Freiheit“ die Rede ist, dass diese „Freiheit“ dann auch jene ist, die wir uns heute darunter vorstellen. Leider ist das aber eben nicht so einfach. Mit den Geschichtlichen Grundbegriffen (Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck, Stuttgart 1972-1997) wurde vor einigen Jahrzehnten ein Nachschlagewerk geschaffen, das der historischen Semantik Rechnung trägt. Im Falle von „Freiheit“ zeigt sich, dass es ganz verschiedene zeit- und wertgebundene Vorstellungen von Freiheit gibt, etwa eine idealistische, eher unpolitisch gemünzte oder eine republikanische, politische Vorstellung von Freiheit im Sinne einer Mitbestimmung. Auch die Semantik „Volk“ wird von Akteuren eingesetzt, um bestimmte Bevölkerungsgruppen auszuschließen, andere wiederum einzubeziehen. Ist der Forscher oder die Forscherin hier unbekümmert und unreflektiert, kann das schnell in die hermeneutische Sackgasse führen. Die Gefahr besteht dann weniger in dem stark abnehmendem wissenschaftlichen Ertrag der Untersuchung, sondern vielmehr darin, dass hier ungewollt Werthaltungen der untersuchten Akteure transportiert werden.

Wie kann man dem entgegen arbeiten:
Man kann erstens strikt mit Gänsefüßchen arbeiten und damit diese Begriffe nicht als die eigenen ausgeben, sondern eben als Quellenbegriff kenntlich machen. Damit hat man sich eindeutig von diesen Semantiken distanziert.
Man kann zweitens mit Umschreibungen arbeiten (etwa mit solchen Wendungen wie: laut Aussage von, sogenannte, als XY geltende, usw.).
Man kann drittens mit einer eingängigen Begriffsklärung arbeiten und sich und dem Leser somit eine Arbeitsdefinition verschaffen.

Das besonders Herausfordernde an dem Begriffspaar Quellenbegriff vs. Forschungsbegriff ist aber letztlich, dass die Differenz-Grenzen wechseln, sich verlagern. Je nach Fragestellung, je nach Perspektive des Forschers, der Forscherin, wandeln sich vermeintliche Forschungsbegriffe zu Quellenbegriffen (zuweilen auch in die andere Richtung). Wenn man etwa zur NATO forschen will, geraten alle diesbezüglichen Unterlagen zu Quellen, werden gestandene NATO-Generäle und NATO-Politiker zu Akteuren, die es einzuordnen, zu historisieren gilt. Selbst „NATO“ wird dann zum Forschungsbegriff. Die gleiche Situation ergibt sich, wollte man den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr untersuchen. Auch hier würden dann alle offiziellen Verlautbarungen automatisch Quellen und diese also mit allen Regeln der Quellenkritik zu behandeln sein.
Bei diesen Themen kann die Forschungsbasis schon ziemlich übersichtlich aussehen. Vermutlich würde man sogar ein neues Begriffsinstrumentarium entwickeln müssen, um analytische Kategorien (also Forschungsbegriffe) bilden zu können.
Forschungs- und Quellenbegriff bilden somit relationale Beziehungsanzeiger. Der Forscher/die Forscherin fixiert über die Definition seines/ihres Standpunkts (Themen- und Fragestellung) die jeweilige Zuordnung. Es gilt, sich der eigenen Gebundenheit klar zu werden, zu verstehen, das man eigentlich immer beides ist, ForscherIn und AkteurIn.

Ein Gedanke zu „Forschungsbegriff

  1. Martin Schröder

    Zur konkreten Vorgehensweise:
    Mir erscheint die Erstellung eines eigenen Begriffskatalogs zur Analyse des Forschungsobjektes/subjektes als sehr brauchbare Methode. Einerseits erfolgt mit der persönlichen Reflexion, die zur Belegung von Begriffen mit entsprechenden Inhalten führen soll, eine fast schon beiläufige Distanzierung zu den Quellenbegriffen. Andererseits tritt man mit dem strikten „Umformulieren“ bzw. „Sich-Erschließen“ in eine tieferer Verständnisebene des Forschungsgegenstandes ein, sodass wahrscheinlich mehr oder fundiertere Erkenntnisse gewonnen werden können. Schließlich ist das generelle Misstrauen gegenüber allen Quellenbegriffen gerade für Einsteiger in die Geschichtswissenschaft hilfreich, da auf diesem Wege Missverständnisse oder Fehlschlüsse vermieden werden können. Dabei bleibt jedoch stets problematisch das Bewusstsein und die Disziplin zum ständigen Hinterfragen beizubehalten und nicht in bequeme Muster zurückzufallen.
    Schwierig bleibt es zudem, die Semantik von Begriffen bspw. aus der FNZ exakt rekonstruieren zu können. Die Quellenarmut und der zeitliche Abstand wirken dort ja in besonderer Weise behindernd.

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